Kirche der Zukunft

Teil 1: Kirche verändert sich

 

Wir leben in einer Zeit der Veränderungen. Die Bevölkerung wird älter, es gibt weniger Kinder, bewährte Strukturen müssen neu organisiert werden. Auch die Kirchen werden davon betroffen sein. Das bietet neue Chancen, kostet aber auch Kraft. Was kommt da auf uns zu?

 

In 50 Jahren hat sich viel getan

Auf einer Goldenen Hochzeit sagte neulich ein Landwirt zu mir: „In den letzten Jahren 50 hat sich mehr verändert, als in den 500 Jahren davor.“ Er konnte sich noch erinnern, wie in seiner Kindheit die Felder mit Ochsengespannen beackert wurden. Dann kamen die ersten kleinen motorisierten Trecker. Und heute stehen auf den Höfen riesige Maschinen, die per GPS auf den Millimeter genau die Saat einpflanzen können.

Der technische Fortschritt hat viele Erleichterungen gebracht. Was früher der Bauer in mühsamer Handarbeit machen musste, nimmt heute die Maschine ab. Der Fortschritt hatte aber auch seinen Preis: So mancher kleine Hof existiert nicht mehr, weil die Kosten zu groß wurden. Dieser Effekt lässt sich in vielen Bereichen beobachten: Niemand muss heute mehr die Wäsche mühsam mit der Hand im Waschkübel sauber schrubben, das macht die Waschmaschine. Dafür gibt es in bei uns im Dorf keine Schuhmacher und Tante-Emma-Läden mehr, die großen Supermarktketten und der Online-Handel haben sie verdrängt.

Und die Veränderungen gehen immer weiter: Schon bald wird die Künstliche Intelligenz viele Aufgaben übernehmen, die heute noch von Menschen gemacht werden.

 

Bewährte Traditionen 

Die Uhren in der Kirche gehen manchmal langsamer als beim Rest der Gesellschaft. Bei uns im Gottesdienst singen wir auch neue Lieder, aber viele der Choräle, die die Gemeinde gerne mag, sind 400 oder 500 Jahre alt. Daher bin ich zuversichtlich, dass sich in der Kirche nicht alles auf einen Schlag ändern wird. Auch in 50 Jahren wird ein Mensch die Predigt im Gottesdienst halten, nicht ein Roboter oder Künstliche Intelligenz. Das menschliche Miteinander im Gottesdienst, beim Kirchencafé, in den Chören und Gruppen lässt sich durch keine Technik ersetzen.

 

Neue Herausforderungen

Trotzdem werden sich Dinge verändern. Das zeigt schon ein Blick in die Kirchenbücher: 1975 wurden in der Großen Kreuzgemeinde 33 Kinder getauft, 30 Jahre später im Jahr 2005 waren es 22 Kinder. Im letzten Jahr wurden nur noch 3 Kinder und 2 Jugendliche getauft. Die Anzahl der Beerdigungen dagegen blieb konstant (1975: 30, 2005: 20, 2025: 30). Das ist ein gesamtgesellschaftlicher Trend, der alle Kirchen betrifft. Es ist damit zu rechnen, dass viele Gemeinden in 50 Jahren deutlich kleiner und überschaubarer sein werden. 

Natürlich kann es sein, dass Gott in 15 Jahren eine Erweckung schenkt und die Menschen wieder in die Kirche strömen – wie zu der Zeit von Louis Harms. Gerade als Kirche sollten wir nicht vorschnell das Handtuch werfen und mit Überraschungen durch Gott rechnen. Trotzdem müssen wir die statistischen Realitäten in den Blick nehmen und die konkreten Herausforderungen angehen.

 

Vom Ort zur Region

Seit einigen Jahren wird intensiv daran geforscht, wie Kirchenleitungen und Gemeinden auf diese Veränderungen gut reagieren können. Ein Experte auf diesem Gebiet ist der Theologieprofessor Michael Herbst. Mit seinen provokanten Thesen hat er sich nicht nur Freunde gemacht. 

Er rechnet damit, dass in Zukunft besonders Kirchen in Dörfern und Kleinstädten an Bedeutung verlieren werden. Viele Dorfgemeinden werden so klein sein, dass sie sich mit anderen zusammentun müssen. Auch größere Gemeinden werden Schwierigkeiten haben, einen Pastor oder eine Pastorin zu finden. Denn wo weniger Kinder getauft werden, gibt es auch weniger Theologiestudenten. Kirche muss darum viel stärker regional denken. Dann heißt es nicht länger: „Wir sind aus Hermannsburg... Soltau ... Bleckmar… Celle“, sondern: „Wir gehören zur Region Südheide.“

 

 

Neue Formen von Gemeinde

Aber Herbst macht Mut, dass sich auch ganz neue Chancen ergeben. Denn in der Bibel lassen sich ganz unterschiedliche Formen von Kirche entdecken.

Das Prunkstück war der Tempel in Jerusalem. Hier gab es wahnsinnig viel zu sehen und zu erleben. Die allermeisten Israeliten konnten das aber nur 3 bis 4 Mal im Jahr in Anspruch nehmen, wenn sie zu den großen jüdischen Feiertagen nach Jerusalem pilgerten. 

Die Kirche im Dorf fand in der Synagoge statt. Hier traf man sich jeden Samstag zum Gottesdienst. Allerdings waren keine Priester dabei. Die Anwesenden teilten die Lesungen und Gebete spontan unter sich auf.

Dann kennt die Bibel auch eine Kirche für unterwegs. Als das Volk Israel durch die Wüste wanderte, fand der Gottesdienst nicht an einem festen Ort statt, sondern vor einem Zelt. Das „Zelt der Begegnung” konnte schnell auf- und abgebaut werden, und zog mit den Menschen mit. 

Laut Herbst können wir uns hier etwas abzuschauen. In Zukunft muss es (über)regionale Tempel geben – geistliche Zentren, in denen sich die kleinen Gemeinden mehrmals im Jahr treffen und auftanken. Die Dorfgemeinden wird es weiter geben. Aber wie Synagogen werden sie maßgeblich von Ehrenamtlichen am Leben gehalten. Der Pastor kann nur ein oder zweimal im Monat vorbeikommen. Und dann gibt es Zelte – flexible Projekte, die dahin kommen, wo Menschen sind: Ein Jugendkreis, der sich als AG in der Schule organisiert. Eine Gruppe von Senioren, die sich sonntags zum Kirchenfrühstück reihum besuchen. Ein Hauskreis, der sich trifft, wenn kein Gottesdienst stattfindet. 

 

Kirche hat Zukunft!

Wie sieht die Kirche in 50 Jahren aus? Das lässt sich jetzt nur schwer sagen. Das Titelbild soll eine Anregung sein. Mit nur wenigen Klicks hat die Künstliche Intelligenz der Großen Kreuzkirche ein neues, futuristisches Gewand verpasst. Aber mit Sicherheit fallen Ihnen, liebe Leserinnen und lieber Leser, noch viel bessere Ideen ein…

Dass die Kirche Zukunft hat, steht aber schon jetzt fest. Denn Jesus hat versprochen, dass auch die Tore der Hölle seine Kirche nicht überwinden wird. Solange die Kirche Jesus hat, hat sie Zukunft.

Simon Volkmar

 

Bilder:
Kirche: Elena Bockelmann (mit KI bearbeitet)
Michael Herbst: www.commons.wikimedia.org
Tempel: www.commons.wikimedia.org
Zelt: Alexander Klimm / www.unsplash.com