Kirche der Zukunft

Teil 2: Umnutzung von Kirchen

 Wir leben in einer Zeit der Veränderungen. Die Bevölkerung wird älter, es gibt weniger Kinder, bewährte Strukturen müssen neu organisiert werden. Auch die Kirchen werden davon betroffen sein. Das bietet neue Chancen, kostet aber auch Kraft. Was kommt da auf uns zu?

Opas Wohnung in der Kirche

1971 besuchte ich mit meinen Eltern meinen Opa in Bielefeld. In meiner Erinnerung wohnte er in einer „Kirche“! Vielleicht war es eine methodistische Kirche oder ein Gebäudekomplex, in dem Wohnung, Gemeindesaal und Gottesdienstraum inei-nander übergingen. Meine Erinnerung ist hier nicht präzise. Aber als Kind war für mich die Erinnerung entscheidend: Kirche war kein Gebäude, das man nur sonntags betrat. Kirche war ein Ort, in dem Menschen wohnten, aßen, Besuch empfingen, ihren Alltag lebten. Das Sakrale (oder: „Heilige“) lag nicht abseits des echten Lebens, sondern mittendrin.

In dieser Erinnerung ist Kirche kein Museum, auch nicht nur ein liturgischer Gottesdienstraum. Diese Kirche war bewohnt. Sie roch nach Küche, Möbeln, Staub, nach Bohnerwachs, nach Flur und Treppenhaus. Natürlich wurde dort gebetet, aber irgendwo wurde auch Kaffee gekocht. In demselben Gebäudekomplex standen Stühle für den Gottesdienst und Schränke für Bettwäsche. Was heutzutage als „Umnutzung“ beschrieben werden kann, war damals für mich einfach eine Selbstverständlichkeit: Kirche und Wohnen schlossen einander nicht aus.

 

Missionskirchen in Südafrika

Eine ganz andere Erinnerung ploppt in mir auf: Ich bin auf einer Missionsstation in Südafrika aufgewachsen. Auf den Missionsstationen der Bleckmarer Mission waren Kirchen nicht nur Orte des Gottes-dienstes. Auf dem Kirchengelände waren auch die Landwirtschaft, Schule, Wohnhäuser, Werkstätten, die Verwaltung und der Friedhof. Die Kirche, besser das Kirchgebäude, war Mittelpunkt eines sozialen Netzes.

An Botshabelo, im ehemaligen West-Transvaal, Südafrika, lässt sich zeigen, wie politische Gewalt nicht nur Menschen, sondern auch kirchliche Räume trifft. Durch die Umsiedlungspolitik der Apartheid wurde eine Gemeinde zerschlagen; andernorts entstanden drei neue Kirchen. Man könnte sagen: Das Kirchgebäude wurde nicht einfach aufgegeben, sondern seine Gemeinde wurde ihm genommen. Die Gemeindeglieder wurden zerstreut und die Kirche zerfiel mit der Zeit.

In Roodepoort, wo ich aufwuchs, vollzog sich der Verlust langsamer. Dort wurde ein Teil der Kirche in meiner Jugendzeit als Tagungsraum abgeteilt. Das ist an sich noch kein Verfall. Im Gegenteil: Solche Abteilungen können Zeichen eines pragmatischen Weiterlebens sein. Ein großer Raum wird kleiner gemacht; ein liturgisch nicht mehr vollständig genutzter Raum erhält eine neue Funktion. Doch Jahrzehnte später verfiel das Kirchgebäude durch Vernachlässigung. Es gab keine Gemeinde mehr, die sich dort regelmäßig versammelte. Stattdessen wurde eine neue Kirche im Township genutzt. So zerfiel nicht nur ein Gebäude, sondern ein Zusammenhang aus Zuständigkeit, Erinnerung und Nutzung.

 

Was soll man mit leerstehenden Kirchen machen?

Diese beiden persönlichen Erinnerungen zeigen, wie Kirchengebäude sich verändern können: Sie werden bewohnt, geteilt, erweitert, umgenutzt, vergessen oder verlassen. Sie können in den Alltag hineinwachsen oder aus ihm herausfallen. Sie können ihre Gemeinde verlieren und dennoch als Baukörper weiterbestehen.

Die Frage ist: Was machen wir mit solchen leeren Kirchen? Dabei geht es nicht nur um Architektur und Geld, sondern auch auch um theologische, kulturelle und biographische Fragen: Was geschieht mit Räumen, in denen Menschen gebetet, gesungen, getauft, getrauert, gestritten, gelernt und gehofft haben?

Diese Frage ist in vielen europäischen Ländern sehr dringend geworden. Die Gemeinden werden kleiner. Viele Gebäude sind zu groß, zu teuer oder werden kaum noch genutzt, obwohl sie denkmalgeschützt und emotional unersetzlich sind. In Deutschland hat sich ein Begriff herausgebildet: „Sakralraumtransformation“. Dabei wird unter theologischen, kunsthistorischen und immobilienwirtschaftlichen Perspektiven gefragt, wie Kirchengebäude künftig angemessen genutzt werden können.

 

Aus der Geschichte lernen

Die Mehrfachnutzung und Umdeutung religiöser Räume ist keineswegs neu. In der Spätantike wurden ältere römische Räume christlich umgedeutet. In Trier wurde z.B. der gewaltige Palast des Kaisers Konstantin später zur Konstantinbasilika, also zu einem Kirchraum. Solche Beispiele zeigen: Christliche Sakralräume entstehen nicht immer auf leerem Grund. Oft wurden ältere Orte, Mauern und Erinnerungen übernommen. Das „Heilige“ ist nicht etwas, das einem Raum ein für alle Mal anhaftet. Es kann wachsen, überlagert werden, verschwinden oder sich verwandeln.

Im Mittelalter war die Kirche ebenfalls mehr als ein Ort der Messe. Die Pfarrkirche war ein öffentlicher Raum. Dort wurde gebetet, aber auch verhandelt, erinnert, bekanntgemacht. Glocken strukturierten Zeit und Öffentlichkeit; Friedhöfe, Märkte und Rathäuser lagen oft in unmittelbarer Nachbarschaft. Ein Kirchgebäude im Mittelalter und in der Frühneuzeit war damit nie vollständig vom städtischen Leben getrennt. Es war ein Raum, in dem geistliche, soziale, ökonomische und politische Funktionen ineinandergriffen.

 

Umnutzung: Rettung oder Entweihung?

Deshalb ist die gegenwärtige Diskussion um Kirchenumnutzung gar nicht so neu.  Allerdings ergänzten früher andere Nutzungen die gottesdienstliche Funktion, heute treten sie häufig an ihre Stelle. Daraus entsteht die eigentliche Spannung: Wird eine Kirche durch Umnutzung gerettet oder entweiht? Wird ihre Geschichte bewahrt oder überschrieben?

 

Wie werden Kirchen neu

genutzt?

Die Gegenwart bietet hier sehr unterschiedliche Antworten. Bei einer Reise nach England und Wales entdeckte ich, dass es dort in den Kirchen oft Cafés gab. Das ist theologisch interessant: Kaffee ist hier nicht einfach Kommerz, sondern eine missionarische Einladung! Wer nicht zum Gottesdienst kommt, kommt vielleicht auf einen Cappuccino. Wer keine Kirchenbank sucht, findet vielleicht einen Tisch. Wer nicht beten mag, sitzt dennoch unter einem Gewölbe, das mehr ist als „nur“ ein Café. Gerade diese Unschärfe macht solche Orte interessant. Der Raum wird nicht stillgestellt oder nur sonntags für eine paar Stunden geöffnet. Er wird alltäglich betreten.

Das bekannteste Beispiel für die Umnutzung einer Kirche in den Niederlanden ist die Boekhandel Dominicanen in Maastricht (s. Titelbild). Eine mittelalterliche Dominikanerkirche wurde zur Buchhandlung mit Café umgewandelt. Reiseführer preisen den Ort als eine der schönsten Buchhandlungen der Welt. Entscheidend ist aber nicht nur die Schönheit, sondern die Art der neuen Nutzung: Bücher, Lesungen, Gespräche, Musik, Kaffee — all das sind keine liturgischen Handlungen, aber sie sind auch nicht beliebig. Eine Buchhandlung in einer Kirche erinnert an alte klösterliche und kirchliche Bildungsfunktionen. Der Raum des Wortes bleibt ein Raum des Wortes, auch wenn die Worte nun nicht mehr von der Kanzel kommen.

In Deutschland findet man ähnliche Entwicklungen, allerdings oft begleitet von besonders intensiven Debatten über Denkmalpflege, Kirchenrecht und die Frage nach Würde. Die digitalCHURCH in Aachen, untergebracht in der ehemaligen Kirche St. Elisabeth, ist ein Beispiel. Sie wird als Co-Working-Space und Veranstaltungsort genutzt. Hier verschiebt sich der Akzent: Nicht Gastfreundschaft oder Bildung stehen im Vordergrund, sondern Innovation, Arbeit und Netzwerke. Man kann das kritisch sehen: Wird der Kirchenraum hier der Eventkultur ausgeliefert? Oder entsteht eine neue Form städtischer Öffentlichkeit, in der Menschen sich begegnen und Ideen entwickeln?

Neben Café, Buchhandlung und Co-Working gibt es die wohl schwierigste Form der Umnutzung: Wohnen. Eine Kirche in Wohnungen umzubauen, kann ein Gebäude retten, aber zugleich seine Öffentlichkeit beenden. Der Kirchraum wird privatisiert. Wo früher eine offene Tür, ein Kirchplatz, ein gemeinsamer Innenraum war, entstehen nun Klingelschilder und Briefkästen(so z.B. in der Nikolaikirche in Rostock). Dennoch sollte man diese Nutzung nicht vorschnell verurteilen. Wo ein Gebäude sonst verfallen oder abgerissen würde, kann Wohnnutzung eine Option sein. Manchmal entstehen soziale Wohnprojekte, Wohnungen für besondere Gruppen oder gemeinschaftliche Wohnformen. Dann wird die alte Frage meiner Erinnerung an Bielefeld neu gestellt: Kann man „in“ einer Kirche wohnen, ohne den Raum zu entwürdigen? Oder bewahrt gerade das Wohnen etwas von seiner Wärme?

 

Kirchen - mehr als ein Gebäude

Was machen wir also mit Kirchgebäuden, die allmählich nicht mehr genutzt werden? Sie sind nicht bloß Gebäude, sie sind Gedächtnisräume. Selbst wer nicht an Gott glaubt, weiß, dass die Kirche im Dorf oder im Stadtteil eine besondere Bedeutung hat. Sie markiert Mitte, Herkunft, Trauer, Fest, Zeit. Ihr Turm ordnet den Horizont. Ihre Glocken ordnen den Tag. Ihr Innenraum trägt Spuren von Generationen.

Darum reicht eine rein wirtschaftliche Antwort nicht aus. Natürlich kosten Kirchen Geld. Natürlich müssen Dächer repariert, Heizungen bezahlt, Sicherheitsauflagen erfüllt werden. Aber die Frage „Was lohnt sich?“ darf nicht nur in Quadratmeterpreisen, Besucherzahlen oder Energiekosten beantwortet werden. Kirchengebäude speichern immaterielles Kapital: Erinnerung, Symbolkraft, Handwerk, Schönheit, Nachbarschaft, Stille. Wenn sie verschwinden, verschwindet mehr als Baumasse.

Gleichzeitig ist Nostalgie keine Lösung. Eine Kirche, die nur bewahrt wird, um bewahrt zu werden, kann ebenso tot sein wie eine Kirche, die schließlich zerfällt. Der entscheidende Punkt ist nicht, ob ein Café, eine Bibliothek, ein Büro oder ein Kulturzentrum in einem Kirchenraum grundsätzlich möglich ist. Die entscheidende Frage lautet: Welche Nutzung entspricht der Würde des Raumes und den Bedürfnissen der Gegenwart? Eine schlechte Umnutzung macht aus einer Kirche eine Kulisse. Eine gute Umnutzung macht aus ihr einen offenen Raum, in dem Geschichte, Gegenwart und Zukunft miteinander sprechen.

 

Kriterien für die Umnutzung von Kirchen

1. Die neue Nutzung sollte nicht so tun, als sei der Raum geschichtslos. Sie sollte erkennen lassen, wo man sich befindet. Gewölbe, Fenster, Altarraum, Spuren alter Wege und Blickachsen sollten nicht bloß dekorative Effekte sein.

2. Wo immer möglich, sollte eine ehemalige Kirche nicht vollständig privatisiert werden. Gerade weil Kirchen über Jahr-hunderte öffentliche oder halböffentliche Räume waren, liegt ihre Zukunft häufig in Nutzungen, die Menschen weiterhin zusammenführen: Café, Bibliothek, Kulturzentrum, Sozialraum, Beratungsstelle, Musikort, offene Kapelle.

3. Eine gelungene Umnutzung lädt Menschen ein, die mit klassischer Kirchlichkeit nichts mehr anfangen können, aber dennoch Orte der Stille, Schönheit, Begegnung und Verlangsamung brauchen. In diesem Sinn kann ein Café in einer Kirche theologisch ernsthafter sein als manche verschlossene Kirche, die nur noch verwaltet wird.

 

Fish & Chips in der Kirche

Hier schließt sich der Kreis. In England besuchte ich die Kirche „St-Martin-in-the-Fields“ am Trafalgar Square in London.  Hier finden neben Gottesdiensten in der Woche auch Konzerte, Kulturveranstaltungen und karitative Angebote statt. Mein Favorit war ein so genanntes „Lunchtime Concert“. Neben guter Musik bekommt man hier auch ein Mittagessen: „Fish & Chips“ oder „Soup & Sandwich“ Und vorher: Ein Mittagsgebet in der Kirche.

Hier wird sichtbar, dass die Alternative „Kirche“ oder „Café“ zu grob ist. Es gibt hier Tee, und Gottesdienst. Man kann kommen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Man kann im Café sitzen und später vielleicht in die Andacht kommen – oder „geraten“. Man kann ein Buch kaufen, eine Kerze anzünden, zuhören, schweigen, weitergehen. Der Raum verlangt nicht sofort eine Entscheidung.

Das ist für mich ein überaus versöhnliches Bild zum Thema Kirchraumumnutzung. Nicht jedes Kirchgebäude wird zu retten sein. Nicht jede Umnutzung wird gelingen. Manche Gebäude werden verkauft, manche werden verfallen, manche verschwinden. Aber wo Kirchenräume nicht nur verwertet, sondern verwandelt werden, kann etwas von ihrer alten Berufung bleiben: Menschen zu sammeln, dem Alltag Tiefe zu geben, Gastfreundschaft zu ermöglichen, Erinnerung zu bewahren und den Himmel nicht ganz aus den Augen und Sinn verschwinden zu lassen.

Die Frage „Was machen wir mit den leeren Kirchen?“ erhält dann eine andere Färbung. Sie fragt nicht nur nach Immobilien, sondern nach unserer Vorstellung von Gemeinwesen. Wollen wir Räume, in denen alles gekauft, kontrolliert oder privatisiert ist? Oder brauchen wir weiterhin Orte, die offen genug sind für Tee und Gebet, Bücher und Stille, Arbeit und Erinnerung, Trauer und Musik? Kirchengebäude, auch entvölkerte, stellen diese Frage an uns. Ihre Zukunft hängt davon ab, ob wir sie nur als Last begreifen — oder als Möglichkeit.

 

Markus Nietzke

 

Weitere Artikel:

Zukunft der Kirche

- Teil 1: Kirche verändert sich (hier)

 

 

Bildnachweis:

Boekhandel Dominicanen: Bettina Miera/commons.wikimedia.org
Kirche Südafrika: Markus Nietzke
Konstantinbasilika: Berthold Werner/commons.wikimedia.org
St-Martin-in-the-Fields: Eirian Evans/commons.wikimedia.org