Kirche der Zukunft
Teil 3: Kirche ohne Gebäude
Wir leben in einer Zeit der Veränderungen. Die Bevölkerung wird älter, es gibt weniger Kinder, bewährte Strukturen müssen neu organisiert werden. Auch die Kirchen werden davon betroffen sein. Das bietet neue Chancen, kostet aber auch Kraft. Was kommt da auf uns zu?
Steile These
Eine Kirche ohne Gebäude? Das klingt zynisch, wenn man bedenkt, dass in der Großen Kreuzkirche in den nächsten Jahren eine Kirchenrenovierung geplant ist. Die Außentüren an den Seiten der Kirche wurden bereits ersetzt, die große Eingangstür unter dem Kirchturm wurde neu gestrichen. Der Bauausschuss plant schon seit Jahren, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz und einem Architekten. Die Gemeindeglieder spenden seit Jahren Geld für die geplanten Maßnahmen. Die Summen, die hier zum Tragen kommen, bewegen sich im sechs- bis siebenstelligen Bereich. Keine Kleinigkeit. Und nun trägt dieser Artikel die Überschrift „Kirche ohne Gebäude“.
Emotionale Bedeutung
Die Gemeindeglieder der Großen Kreuzgemeinde hängen an ihrer Kirche. Und damit meine ich: Sie hängen an den Menschen und an dem Glauben, aber auch sehr an ihrem Gebäude. Das merke ich jedes Jahr bei der Jubelkonfirmation. Viele Jubilare haben die Kirche schon seit Jahren nicht betreten, weil sie weit weggezogen sind oder keinen Draht mehr zur Kirche haben. Aber ich höre an diesem Tag doch immer wieder nostalgische Kommentare, dass es doch „ihr“ Gebäude ist, in dem sie konfirmiert wurden und in dass sie gerne immer wieder kommen – und sei es nur alle paar Jahre. Man könnte den Wert eines Kirchgebäudes in Materialkosten berechnen – und das ist bei einer Kirchenrenovierung auch notwendig. Aber für die Menschen hat das Gebäude vor allem einen emotionalen Wert, der sich nicht mit Geld oder Material messen lässt. Der Ort trägt Erinnerungen mit sich. Was hat man hier nicht schon alles erlebt?
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte
Wenn ich an Kirchengebäude denke, dann habe ich Bilder von großen und imposanten Bauten vor Augen: den Kölner Dom, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, den Felsendom in Jerusalem. Aber ein Bild von „Kirche“ bzw. in diesem Fall „Kirchenleitung“ ist mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben. Alle paar Wochen schaue ich es mir sogar bewusst an. Es ist entstanden, als der Bischof unserer Kirche vor einiger Zeit eine Aktion gestartet hat: Jeder Bischof einer lutherischen Kirche weltweit sollte ihm ein Bild vom Gebäude des jeweiligen Bischofssitzes schicken. Ein spannendes Projekt, wobei die kulturellen Unterschiede in den vielen Ländern ja durchaus gravierend sein können.
Der Plastikstuhl unter Bäumen
Ein Bild ist dabei so aus dem Rahmen gefallen, dass unser Bischof es mir gezeigt und geschickt hat. Seitdem beschäftigt es mich auch. Es zeigt den „Bischofssitz“ des Kirchenoberhauptes im Südsudan in Afrika. Man sieht auf diesem Bild ein Lehmgebäude im Hintergrund. Doch der Bischof der Kirche arbeitet nicht in dem Gebäude, sondern davor: auf einem alten Plastik-Gartenstuhl ohne Sitzpolster unter ein paar Bäumen, die ihm Schatten spenden. Auf einem Kindertisch liegt ein kleiner Stapel Bücher. Auf einem Plastikhocker hat er seinen Laptop aufgebaut. Wenn man genau hinsieht, erkennt man ein weißes Kabel, das vom Laptop nach oben in einen Baum führt: Internet. Das Kabel ist die einzige Verbindung zur restlichen Welt und seine Chance, der Bitte unseres Bischofs nachzukommen, das Bild von seinem „Amtsgebäude“ zu schicken.
Eine andere Welt
Beim Anblick dieses Bildes kommt mir der Gedanke, dass wir doch in sehr verschiedenen Welten leben. Wir mit festen Wänden aus Stein. Sitzmöbeln, die bitte alle möglichst bequem und ästhetisch ansprechend sein sollen. Regale mit unzähligen Büchern zu den verschiedensten theologischen Themen. Internet, wann und wo immer wir wollen – mit Kabel oder ohne. Und dann gibt es den Bischof der lutherischen Kirche im Südsudan. Das Land war vorwiegend muslimisch geprägt. Der langjährige Machthaber Umar al-Baschir gilt als Diktator und brutaler Militäroffizier. Er putschte sich an die Macht und nutzte dies, um die Christen im Land immer weiter systematisch zu unterdrücken. Inzwischen wurde al-Baschir abgesetzt und gegen ihn wurde ein Haftbefehl erlassen. Aber die Lage für die Christen hat sich seitdem nur verschlimmert. Schwere Menschenrechtsverletzungen bis hin zu Anschlägen mit vielen Toten und Verletzten sind die Folge. Wie führt man eine Kirche von lutherischen Christen, die jederzeit in Lebensgefahr schweben?
Kirche in ihrem Ursprung
Ich vermute, dass dem Bischof vom Südsudan bei der Wahl seines Arbeitsplatzes auch im Sinn war, möglichst beweglich zu bleiben. Kein Tag lässt sich genau vorausplanen. Man muss damit rechnen, dass sich die Situation jederzeit ändern kann. Und so muss auch der Bischofssitz immer beweglich sein. Kein festes Gebäude, kein festes Büro, sondern man arbeitet dort, wo die Menschen sind. Wo sie jetzt Hilfe und moralische Unterstützung brauchen. Das erinnert mich daran, wie Jesus zu seiner Zeit hier auf der Erde „Kirche“ gedacht hat. Er hat nicht in Gebäude investiert, sondern in Menschen. Jesus sagt im Matthäusevangelium: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“ (Matthäus 16,18) Kirche war so beweglich, wie die Menschen sind. Sie veränderte ihr Gesicht, traf Entscheidungen. Gottesdienste fanden an wechselnden Orten „hier und dort in den Häusern“ (Apostelgeschichte 2,46) statt. Manchmal habe ich das Gefühl, der Bischof der lutherischen Kirche im Südsudan ist – trotz oder gerade wegen der prekären Situation der Christen im Land – näher an dem, wie Jesus Kirche gedacht hat, als wir hier in Deutschland.
Fresh X - neue Kirchen
Auf diesen Gedanken sind schon andere Kirchen gekommen und so hat sich seit den 1990ern Jahren in der Kirche von England eine Bewegung namens „Fresh X“ gegründet (Abkürzung für fresh expressions, dt. neue Ausdrucksformen). Der Gedanke dahinter ist simpel: Die Menschen kommen nicht mehr in die Kirche, darum kommt die Kirche zu den Menschen. Feste Gebäude werden aufgelöst, der Glaube findet in Gottesdiensten im Wohnzimmer oder unter freiem Himmel statt. Das oberste Ziel ist, hinzuhören, was die Menschen vor Ort wirklich bewegt. Und ihnen dann etwas Gutes zu tun, was sie in ihrem Glauben an Gott bestärkt. Auch „Fresh X“ lässt sich gut in einem Bild erklären: Die Bewegung will aus Kirche einen Fluss machen (lebendiges, bewegliches Wasser), statt ein See zu bleiben (ruhig und sicher, aber unbeweglich).
Zwischen Begeisterung und Ernüchterung
„Fresh X“ hat gerade unter jungen Christen viele Jahre für wahre Begeisterungsstürme und unzählige Initiativen gesorgt. Doch inzwischen ist die Euphorie meiner Ansicht nach wieder ein kleines bisschen abgeklungen. Nicht, weil die Idee hinter der Bewegung grundsätzlich falsch wäre – das ist sie nicht –, sondern weil Menschen eben doch an einem Gebäude hängen.
Eine Kirche ist hier ein Ort der Ruhe in einer sehr hektischen Welt. Sie verspricht Geborgenheit. Es gibt in ihr nicht viel Ablenkung. Der Fokus ist nach vorn gerichtet, auf das Wesentliche – das Kreuz und Jesus Christus. Ein Kirchgebäude hat den Vorteil, bei jedem Wetter zu funktionieren. Mit der eigenen Kirche sind viele Erinnerungen verbunden. Hier wurden Taufen und Hochzeiten gefeiert. Kinder haben in Familiengottesdiensten Bibelgeschichten in Szene gesetzt. Hier wurden musikalische Meisterwerke zum Besten gegeben. Hier hat man sich mit Gottes Wort beschäftigt, hat in vielen Gebeten manche Sorge und Dankbarkeit vor Gott gebracht. Hier hat man sich selbst als Mensch vor Gott besser kennengelernt. Eine Kirche ist auch ein Stück Heimat.
Eine Kirche ohne Gebäude?!
Es gibt gute Gründe für beide Positionen – Kirche mit oder eben ohne Gebäude zu gestalten. Doch wie bei so vielen Dingen im Leben, liegt die Lösung auch hier vermutlich in einem Mittelweg: Das Gebäude nicht aufgeben, aber Kirche so beweglich gestalten, dass sie zur Not auch auf das Gebäude verzichten kann. Zur Zeit des Alten Testaments hat sich Gott noch an den Tempel gebunden. Dort war er anwesend. Doch mit Jesus Christus hat sich Gott fortan nicht mehr an einem Gebäude orientiert, sondern an den Menschen. Wo die Menschen sind, da ist auch Gott. Kirchgebäude sind ein Ausdruck dessen, was Gott auch prima ohne Gebäude schaffen kann: die Menschen zu lieben und ihnen Hoffnung zu schenken. An seiner Grundhaltung können wir uns orientieren: Kirche ist für die Menschen da, und nicht der Mensch für die Kirche.
Claudia Matzke
Weitere Artikel:
Zukunft der Kirche
- Teil 1: Kirche verändert sich (hier)
- Teil 2: Umnutzung von Kirchen (hier)
Bildnachweis:
Kölner Dom: Joachim Kohler-HB/Wikimedia Common
